| Bessere
Marktchancen für Ingenieure erschließen
Beitrag für die
Beilage der Brandenburgischen Ingenieurkammer zur Monatszeitschrift
"Deutsches Ingenieurblatt" Juni 1999
Auf dem 3.
Ingenieurkammertag im vergangenen Jahr wurden zahlreiche Gedanken
über Berufsethik vorgetragen. Es wurde sogar über einen
Berufseid diskutiert, ähnlich wie er bei Ärzten üblich
ist. Meines Erachtens ist diese Überlegung nur als Nuance zur
Aufwertung des Ansehens unseres Berufsstandes zu sehen. Der Berufseid
führt leicht zu einer Verklärung des Erscheinungsbildes, da
sich an der Person, welche den Eid ablegt, nichts ändert.
Ähnlich wie mit dem Berufseid verhält es sich mit der
Zertifizierung nach ISO 9000. Sie ist als Qualitätsmaßstab
für Ingenieurarbeit irreführend.
Mir scheint es
wichtiger zu sein, daß sich die Ingenieurkammer mehr mit
praktischen Wechselwirkungen des Berufsstandes zu seinem komplexen
Umfeld auseinandersetzt, um die Chancen ihrer Mitglieder zu verbessern.
Dazu seien als Anregung einige Gedanken erläutert:
Primär stellt
sich das Verständnis der Rolle des Ingenieurs im gesamten
Prozeß von der Planung bis hin zur Realisierung von Bauvorhaben
dar. In diesem Bild bleiben jedoch die wirtschaftlichen
Zusammenhänge weitgehend unberücksichtigt.
Ausgangspunkt:
Wettbewerb kontra Qualität
Im Baugewerbe zwingt
der Wettbewerb die Unternehmen Arbeitskräfte einzusetzen, die
möglichst geringe Lohnkosten verursachen. Das trifft nicht nur auf
Handwerker zu, sondern auch auf Poliere und Bauleiter, deren tarifliche
Einkommenshöhe sich bei der Kalkulation der Preise sehr deutlich
bemerkbar macht. Das führt zwangsläufig zur Reduzierung in
dieser Ebene. Viele Baubetriebe profitieren dabei von den Erfahrungen
versierter Handwerker.
Somit können
Unternehmen mit einem geringen Anteil an qualifiziertem
Leitungspersonal mit geringeren Gemeinkosten kalkulieren und haben
wegen des niedrigen Angebotspreises oft die besten Chancen, den Auftrag
zu erhalten.
Noch krasser stellt
sich das Problem dar, wenn Ingenieurleistungen im Auftrag enthalten
sind. Typisch ist das auf dem Gebiet des Betonfertigteilbaus und bei
den Ausrüstungen. Dimensionen werden oft nur geschätzt. So
mußte ich in meiner Berufspraxis immer wieder feststellen,
daß beim Verständnis für technische Zusammenhänge
die Grenzen schnell erreicht werden. Aus dieser Tatsache heraus
entwickelt sich zwangsläufig ein Trend, der Pfusch am Bau geradezu
provoziert. Die eigentliche Ursache ist dabei der wirtschaftliche
Zwang, den die Bauherren auf die Unternehmen ausüben. Den
Bauherren sind die Konsequenzen meist nicht bewußt.
In einem
ähnlichen Rahmen kann man auch den immer häufigeren Verzicht
auf unabhängige solide Planung sehen. Hierbei wirkt der Staat
zunehmend unterstützend, indem er die bautechnische Prüfung
von Projekten immer mehr einschränkt.
Neue Zielpunkte:
Aufklärung der Verbraucher über Ingenieurleistungen.
Gerade dieser
Bereich sollte ein wichtiger Ansatzpunkt für die berufspolitische
Arbeit der Kammer sein. Durch geeignete Öffentlichkeitsarbeit
müssen die fatalen Folgen dieser Entwicklung aufgezeigt werden. Es
reicht nicht, wenn die Fachpresse und die fachlich interessierte
Öffentlichkeit informiert wird. Der Verbraucher muß Adressat
der Kampagne sein. Es ist sicher unbestritten, daß es dem
normalen Techniker schwerfällt, den Laien von der Notwendigkeit
qualitativ hochwertiger Ingenieurarbeit zu überzeugen, weil seine
Argumente eher sachlicher als emotionaler Art sind.
Eine abgestimmte
Zusammenarbeit mit den Verbraucherverbänden wäre dabei
sicherlich sehr sinnvoll. Darüber hinaus sollten Banken ebenfalls
unmittelbarer Adressat der Aufklärung sein. Es muß den
Kreditinstituten klargemacht werden, daß bei frühzeitigem
Sanierungsbedarf die Refinanzierung von Investitionen gefährdet
ist. Selbst im Verwertungsfalle ist ein mangelbehaftetes Objekt
schlecht zu veräußern.
Vielleicht sollten
sich die Ingenieurkammern der Länder zusammenschließen,
wobei eventuell auch die Architektenkammern einbezogen werden
können, um eine PR-Agentur mit der Organisation einer
entsprechenden Strategie beauftragen. Die Zielstellungen könnten
in folgende Richtungen formuliert werden:
· Marketing
zur Erhöhung der Nachfrage nach Planungsleistungen
·
Aufklärung der Verbraucher über Qualitätsparameter von
Ingenieurleistungen
·
Auseinandersetzung mit den sogenannten Schlüsselfertiganbietern
mit Blickrichtung auf den Widerspruch zwischen Kostenminimierung und
Erhöhung der Qualitätsrisiken
· Reduzierung
der zunehmend einseitigen Verlagerung von Risiken auf die
Subunternehmer und Auftraggeber von Schlüsselfertigbauten
·
Zurückdrängen der sogenannten Funktionalausschreibung auf die
vernünftigen Fälle im Sinne der VOB/A
·
Erhöhung der Sicherheitsbedürfnisse im Hinblick auf die
notwendige Prüfung der technischen Unterlagen durch
unabhängige Prüfingenieure. 
In der Fachtagung
der Fachsektion Konstruktiver Ingenieurbau haben die
Prüfingenieure deutlich gemacht, daß sich eine starke
Tendenz zum Bauen ohne Zeichnung entwickelt. Diese Erscheinung tritt
oft beim Schlüsselfertigbau und bei Bauträgergeschäften
zu Tage, da es in diesem Bereich in erster Linie um den rein
wirtschaftlichen Erfolg geht. Oft sind die Bauherren die Geprellten, da
sie fragwürdigen Billigangeboten auf den Leim gehen und die
Anbieter infolge Konkurses in der Regel nicht mehr haftbar gemacht
werden können. Selbst wenn der Anbieter noch existiert, ist die
Durchsetzung von Ansprüchen auf juristischem Wege in der Regel nur
mit hohem zusätzlichem finanziellen Aufwand verbunden.
Aber auch in der
Rechtsprechung müssen sich die Tendenzen ändern. An einer
Vielzahl von Urteilen zeigt sich, daß einige Richter selbst
Bauherren waren und frustriert über die Ergebnisse der
Auftragnehmer (sowohl Planer als auch Handwerker) sind.
Sehr negativ hat
sich die Problematik der Pauschalverträge entwickelt. Der Markt
preßt die Auftragnehmer immer mehr in riskante
Pauschalvereinbarungen und es gibt kaum noch Schutz bei
Mehraufwendungen. Besonders bei komplexen Leistungen leiden die
Subauftragnehmer darunter. Das beginnt in der Regel beim
Zahlungsverhalten. Der Subunternehmer bekommt seine Vergütung
erst, wenn der Hauptauftragnehmer seine Zahlungen erhalten hat.
Zwischen der Fertigstellung der Leistung und der Vergütung
können somit Monate vergehen. Der Subunternehmer wird so zum
unfreiwilligen Kreditgeber für den unmittelbaren Auftragnehmer. Da
aber die Aufträge mit zunehmendem Umfang immer mehr von
größeren Auftragnehmern abhängig sind, befürchten
die Subunternehmer, bei zukünftigen Aufträgen nicht mehr
berücksichtigt zu werden. Somit gibt es kaum Gegenwehr gegen diese
Praxis.
Unabhängig
davon dürfte es sich auch herumgesprochen haben, daß bei
Vorhaben mit Generalauftragnehmern (Planung und Ausführung) die
Subunternehmer durch die Preisdrückerei gezwungen sind, den zu
erwartenden Verlust durch Lohndumping und mangelnde Qualität in
Grenzen halten. Die Problematik der sogenannten Komplettangebote
könnte man noch weiter diskutieren. Das führt jedoch zu weit
von der Frage nach Zielrichtungen der Marketingarbeit für
Ingenieure weg.
Zusammenfassend
bitte ich den Präsidenten unserer Kammer, den Vorstand und die
Kammervertreter, gemeinsam mit dem Ausschuß für
Öffentlichkeitsarbeit neue Akzente in der
Öffentlichkeitsarbeit zu setzen, um die Marktchancen für
Ingenieure und Architekten zu verbessern. 
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